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Sintstraße – Chronik eines angekündigten Abrisses

Am Montag 5.2.2023 ist „Showdown“ in der Causa Sintstraße. Die Arbeitersiedlung und der Versuch der STRABAG und GWG gemeinsam 7 von 18 Häusern abzureissen, um so ein Grundstück zu gewinnen und 08/15 neu bauen zu können, steht auf der Tagesordnung des Beirats für Stadtgestaltung.

Lässt der Beirat das durchgehen? Wird er das Versagen des oö. Bundesdenkmalamts mittragen und legitimieren? Und wie konnte es eigentlich so weit kommen? (-> mehr zur Geschichte unter https://www.linzplus.at/post/sintstrasse) Dazu hat Fraktionsobmann und Stadtentwickler Lorenz Potocnik eine Chronik verfasst. Als Fazit fordert er mehrere Schritte zurück zu gehen, um so ein transparentes Wettbewerbsverfahren und ein Erhalt des ganzen Ensembles zu ermöglichen.


Projekt kommt in den Beirat für Stadtgestaltung

Grundsätzlich herrscht für Projektwerber die Regel, entweder Wettbewerb (wobei hier die Vorgaben sehr lax sind) oder Beirat für Stadtgestaltung. Hier haben wir einen Sonderfall (der schon öfters passiert ist). Es gab zwar eine Art Wettbewerb im Vorfeld (streng geheim, keine Einbindung der Kammer oder sonst irgendwem, intransparent) aber das Projekt kommt auf Wunsch des Planungsreferenten trotzdem in den Beirat, wohl weil es „öffentlich“ relevant ist und der Beirat die Vorgehensweise nach Möglichkeit legitimieren soll.


Die Arbeitersiedlung Sintstraße hat eine sehr lange Vorgeschichte und öffentliche Debatte, die auf hohem Niveau von Linzer Architekten (zu Beginn Schremmer/Jell und Franz Riepl u.a.) geführt wurde. Erste Berichterstattung stammt noch aus den 1980er Jahren.


Hier gibt es einen Überblick darüber:


„Denkmalschützer“ und die oö. Architektenschaft haben sich von Beginn an breit für den Erhalt der ganzen Siedlung, des Ensembles eingesetzt. Aus gutem Grund: Die Siedlung ist – auch international – ein herausragendes Beispiel für die Bewegung der Gartenstadt, ist original erhalten und steht für die Blüte des „Roten Linz“. Eine Ausstellung im afo-architekturforum oberösterreich und im Nordico Stadtmuseum Linz haben das nochmals unterstrichen.


Die Stadt Linz (Besitzerin bis 2008) hat die Siedlung und den historisch-sozialen Wert nie geschätzt und wollte immer möglichst abreißen. Der jahrelange Zugang (der mit Denkmalschutz wenig zu tun hat) war, eines oder zwei Häuser exemplarisch stehen zu lassen. Die Unterschutzstellung der gesamten Anlage (2012) hat Bürgermeister Klaus Luger (das weiß ich aus persönlichen Gesprächen) als Affront eines vermeintlich „schwarzen“ Bundesdenkmalamts gegen die „rote“ GWG verstanden. In Gesprächen hat er sogar angekündigt, die Siedlung verfallen zu lassen, wenn ein Abbruch oder eine Verwertung durch die GWG nicht möglich ist.


2008 wurde die Siedlung an die GWG verkauft, eigentlich zwangsverkauft, obwohl klar war, dass diese im Rahmen ihrer Gemeinnützigkeit nicht viel damit anfangen konnte.


2012 hat sich die Kunstuniversität in einem intensiven Entwerfen mit der Siedlung beschäftigt. Im Rahmen von „Sintstrasse Weiterbauen“ konnte bewiesen werden, dass ein intelligentes Weiterbauen und Nachverdichten sehr wohl möglich wären. Es bräuchte nur den richtigen Nutzer und den richtigen Prozess. Allen Entwürfen lag der Erhalt des Ensembles und ein progressiver Denkmalschutz zu Grunde. Systematisches Ergänzen der Altbauten durch Zubauten hat dabei höhere Wohnräume, Barrierefreiheit und Sanitäreinrichtungen ohne grobe Eingriffe in die alte Substanz ermöglicht.


2012 ist es einer Gruppe aus engagierten Architekten (ich war damals auch dabei) gelungen, das BDA (damalige Leitung Ulrike Knall-Brskovsky) davon zu überzeugen die ganze Siedlung unter Schutz zu stellen.


Auch im Rahmen meiner politischen Arbeit habe ich x-Mal versucht der besonderen Siedlung einen besonderen Prozess zu verschaffen. Quintessenz: Verkaufen ja, z.B. an eine engagierte Baugruppe, doch keinesfalls an den Höchstbieter, sondern zum Fixpreis an die beste Idee, das beste Konzept, ähnlich den Bauträgerwettbewerben in Wien. Bei voller Akzeptanz des Denkmalschutzes, das versteht sich von selbstverständlich. Alle drei Anträge und Presseaussendung dazu sind hier zu finden: www.linzplus.at/post/sintstrasse


Das wurde leider wegen der oben beschriebenen Gemengelage nicht verfolgt.


Eingetreten ist nun der Worst Case

Die Siedlung wurde 2020 ohne inhaltliche Vorgaben an den Höchstbieter um ca. 3,5 Mio. verkauft. Eine Art Wettbewerb – streng geheim und höchst intransparent - hat stattgefunden. Und das oö. Landeskonservatoriat (BDA)? Dieses hat unter der Leitung von Frau Petra Weiss bereits im Vorhinein und ohne architektonische Kompetenz (Sanierung und Nutzung) beizuziehen schon 7 von 18 Häusern zum Abschuss freigegeben.


Hier liegt meines Erachtens auch ein grundsätzliches Problem: Wie kann das BDA eine derart komplexe Aufgabe im Vorhinein „lösen“ oder entscheiden ohne noch einen Entwurf gesehen zu haben? Das Minimum wäre doch eine Variante/ Szenario mit der Sanierung (und Ergänzung) aller 18 Häuser gewesen?


Wie kann das BDA ohne nachvollziehbarer und seröser Entscheidungsgrundlage einen Teilabbruch einleiten und damit praktisch die Aufhebung des eigenen Beschlusses von 2012 beschließen? Hätte nicht viel früher, also im Rahmen von Machbarkeitsstudien und Szenarien der Beirat für Stadtgestaltung einbezogen werden müssen?


Fazit

Mit einem Teilabbruch ginge die einzigartige Siedlung verloren. Diese lebt vom Seriellen (18 gleicher Häuser), der Rhythmik und dem grünen, gemeinschaftlichen Freiräumen. Beim Abbruch von 7 Häusern wird das Ensemble und dessen Wirkung schwer beschädigt.


Ein wesentliches „Problem“ waren immer (beim Denken in Standardlösungen) die Stellplätze. Die Chance, diese beim südlich liegenden GWG-Bau 2019/20 gleich mitzubauen, wurde trotz vieler und eindringlicher Hinweise verpasst. Die Tiefgarage dieses Wohnbaus bietet nur Platz für die neu errichteten Wohnungen, ohne gleich vorweg Parkplätze für die historische Bausubstanz bereitzustellen. Der gewünschte Abriss von 7 Häusern ist somit auch direkte Folge dieser fehlenden Weitsicht, denn hier muss der Parkraum unterirdisch geschaffen werden. Die „nötige“ Tiefgarage ist wesentlicher Grund für den Wunsch abzureißen.


Verpasst wurde damit auch die Chance ein herausragendes Projekt aus der historischen Substanz zu machen und innovativen, progressiven Denkmalschutz zu betreiben. In diesem Fall das Wesen der Siedlung weiterzubauen.


Dem Ganzen liegt aber ein generelles Problem zugrunde: Das BDA hat keine herausragende Kompetenz bei städtebaulichen und architektonischen Fragen. Daher erscheint es mir sinnvoll, deren denkmalschützerisches Wissen mit dem breiten und profunden Wissen des Beirats für Stadtgestaltung zu koppeln und bei derartigen oder vergleichbaren Projekten gemeinsam vorzugehen, von Beginn an, vergleichbar mit einem kooperativen Verfahren.


Um das auch im konkreten Fall noch hinzubekommen und den unnötigen Teilabriss nicht achselzuckend hinzunehmen, bedarf es wohl mehrere Schritte zurück. Das ist nicht leicht, eh klar, doch ein neuer und mit der Kammer sowie dem Beirat für Stadtgestaltung akkordierter Wettbewerb scheint mir unumgänglich.


Medienberichte

Auch die Kammer der Architekt:innen spricht sich vehement gegen einen Teilabriss aus:




6.2.2023, OÖN print


7.2.2023, Krone print


7.2.2023, Kurier print und online: "Linz: Stadt lässt eigenes Erbe schleifen"



"Anstatt sich zu dagegen zu wehren und hier ein außerordentliches Projekt daraus zu machen hat das Bundesdenkmalamt hier einfach mitgemacht. Das verstehe ich nicht und werde ich auch nie verstehen." so Lorenz Potocnik im Interview mit Johannes Reitter, ORF.


9./10.2.2023, Bezirksrundschau

29.3.2023, Österreich und Krone - Kunstuni sieht Abriss als Armutszeugnis:


Kurier, 19.1.2024, print und online:




Autor:in: Linz+

3.2.2023

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