Linzer Klima-Uhr: Laufend unser Treibhausgas-Budget messen und anzeigen
- 30. Mai 2024
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 11. März
In der letzten Gemeinderatssitzung hat Linz das Klimaneutralitätskonzept beschlossen. Damit will unsere Stadt bis 2040 klimaneutral sein und so auch den entsprechenden Beitrag für Österreich, die Europäische Union und die ganze Welt leisten. Doch was bedeutet das? Was bedeutet es konkret, klimaneutral zu werden?

klimaneutralitat
Entscheidend für die angestrebte Klimaneutralität sind das bis 2040 zur Verfügung stehende Treibhausgas-Budget sowie die eingeschlagenen Reduktionspfade. Das Wegener Center für Klima und Globalen Wandel der Universität Graz hat das auch für Linz gut untersucht: “Die nahezu lineare Auswirkung von CO2 Emissionen auf den globalen Temperaturanstieg ermöglicht eine Ableitung von globalen Emissionsbudgets zur Einhaltung des 1,5°C Ziels. Ein solches THG-Budget definiert die maximale Menge an Emissionen, sodass ein 1,5°C Ziel mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zum Ende des Jahrhunderts nicht überschritten wird. Der Weltklimarat (IPCC) weist das noch verfügbare globale THG-Budget im letzten Sachstandsbericht aus (IPCC, 2021).” (Quelle Scientific Report No. 103-2024/ Emissionsbilanz, THG-Budget und Emissionsmonitoring der Stadt Linz, March 2024: https://wegccloud.uni-graz.at/s/wkjDnNbm2K3zdr9 )
Genauso wichtig wie das THG-Budget und die Reduktionspfade ist ein Emissionsmonitoring. Dieses ermöglicht es der Stadt, dem Magistrat, der Unternehmensgruppe Linz, der Industrie und der Bevölkerung zu sehen, wo wir uns im Hinblick auf unsere Ziele bis 2040 wirklich befinden. Ähnlich einem Trainingsprogramm für einen Marathon, braucht es laufende Messungen und Überprüfungen der Situation. Nicht erst 2040, sondern möglichst ab jetzt, jährlich, vierteljährlich oder am besten täglich. Jeder größere Schritt, jedes Bauprojekt, Maßnahmen für den öffentlichen Verkehr, Maßnahmen der UGL Linz usw. müssen (positiv oder negativ) in die Bilanz, unser Linzer Budget der Treibhausgase einfließen. Dann könnten wir unmittelbar sehen, ob wir die nötigen (jährlichen) Reduktionsraten von 6% (produktionsbasierte Emissionen) und 12 % bei den konsumbasierten Emissionen erreichen.
Diese Emissionsbilanzen bedürfen viel Öffentlichkeits- und Bewusstseinsarbeit. Alle handelnden Akteure, auch die Bevölkerung (konsumbasierte Emissionen), sollten möglichst rasch sensibilisiert und motiviert werden, um ihren Beitrag zu leisten. Eine Idee, das THG-Budget und die laufenden Bemühungen sichtbar zu machen, ist eine Linzer Klima- oder CO2-Uhr. Im Rathaus, auf den Screens der Straßenbahnen, als Linzer Klima-App oder auf der Webseite der Stadt Linz beispielsweise könnten so alle und jederzeit (mit der entsprechenden Begleitinfo natürlich) über unsere jährlichen Fortschritte bei der Reduktion von Treibhausgasen informiert werden. Ähnlich einem großen Countdown würden wir damit unser Linzer Treibhausgas-Budget immer gut vor Augen haben. Diese Klima-Uhr (Climate Clock) wäre Ansporn und Warnung zugleich.
Diese würde möglichst in Echtzeit alle städtischen CO2-Emissionen messen, berechnen und in Beziehung zu unserem Treibhausgas-Budget (70 Megatonnen) bis 2040 setzen. Denn aktuell wollen wir zwar klimaneutral werden, haben aber keine Ahnung wie wir dort hin kommen sollen. So zerstören wir den wichtigen Grüngürtel, bauen Autobahnen, unterlassen aber wichtige Entsiegelungs-Projekte wie Eine Insel für Linz oder die Sanierung (anstatt Neubau) von Bestand. All das gehört berechnet und gemessen und öffentlich kommuniziert, wenn wir es ernst meinen. Wie bei einem Marathon-Training, müssen wir wissen, wo wir uns befinden.
Deshalb haben wir die Idee der Klima-Uhr in der letzten Gemeinderatssitzung vorgeschlagen, eine Mehrheit hat sich nicht gefunden. Sogar die Grünen - recht anfällig für Greenwashing - wollen sich nicht messen lassen und haben abgelehnt.
Download PLUS-Antrag:

https://climateclock.world/ The Climate Clock melds art, science, technology, and grassroots organizing to get the world to #ActInTime.
The project is centered on a simple tool: a clock that counts down the critical time window to reach zero emissions (our “Deadline”), while tracking our progress on key solution pathways (“Lifelines”).


21.5.2025, republik.ch: Erfolgreich gescheitert Artikel der „Republik“ über Kopenhagens Plan von 2012, bis 2025 klimaneutral zu sein. Das ist nicht gelungen, derzeitiger Stand: minus 80%, es bleiben 0,7t CO2 pro Einwohner*in und Jahr, Wien steht bei ca. 4t (2022), also beim 6-fachen. Kopenhagen hatte mit viel Widerstand zu kämpfen (Roadpricing von der dänischen Regierung gekippt etc.) Etwa 50% der aktuellen Emissionen kommt vom Verkehr, wo kaum Reduktion erreicht werden konnte. Der neue Plan: bis 2035 CO2-positiv.
Let’s be serious How can cities improve their climate?
Im Mai 2024 wurde Lorenz Potocnik nach Prag eingeladen. Im Rahmen von Urban Scapes, dem biennalen Symposium für Landschaftsarchitektur https://szkt.cz/aktuality/urbanscapes-praha-2024 hat er über Linz gesprochen. Als einer von drei internationalen Speakern hat er die Rolle des Kritikers übernommen: Was macht in Hinblick auf das Stadtklima Sinn? Was ist wichtig? Was nicht? Den Abschluss des Vortrags bildeten acht Faustregeln der klimagerechten Planung in Städten. Let’s be serious How can cities improve their climate?
Im Januar 2025 fordert Brita Piovesan den Linzer Klimafonds zu evaluieren
Linzer Klimafonds: - Klimaspiele, ‘Klimaachse’, Klimablog oder Klimagarten - was bringt all das wirklich? PLUS fordert Analyse aller Projekte durch externe und anerkannte Institution. Seit 2020 wurden vier Millionen € vergeben. Doch über die tatsächliche Wirkung auf das Stadtklima tappen wir im Dunkeln. https://www.linzplus.at/post/klimafonds-evaluieren
Medien:
Der Notstand, der bleibt
Als erste deutsche Stadt rief Konstanz den Klimanotstand aus und gab sich ehrgeizige Ziele. Sechs Jahre später ist die Stadt am Bodensee weit davon entfernt, sie zu erreichen. War alles nur PR? Konstanz: Der Klimanotstand, der bleibt - DER SPIEGEL
Wortprotokoll-Auszug der 21. Gemeinderatssitzung am 21.3.2024
E2. Klimaneutralitätskonzept der Stadt Linz inklusive Maßnahmenkatalog
GR Lorenz Potocnik (Linz+) - Wortmeldung
„Liebe Kolleg*innen, sehr geehrter Herr Bürgermeister, unsere Analyse fällt nicht so positiv aus, das haben Sie wahrscheinlich schon erwartet. Wir sind überzeugt, dass sich viele angestrengt haben für dieses Konzept, aber ganz ehrlich, wir sind pessimistisch, was die Klimaneutralität von Linz in nur 16 Jahren betrifft. Das vorliegende Konzept verstärkt diese Hoffnungslosigkeit und diesen Pessimismus, wir glauben schlicht und einfach nicht daran.
Wir vermissen seit Jahren eine Ernsthaftigkeit bei diesem Ziel. Wir sehen, wer hier wie agiert, wir müssen seit Jahren schmerzlich beobachten, wie Ankündigungen, Studien und selbstgesteckte Ziele mit der Realität und der täglichen Planungspraxis wenig zu tun haben und zu oft schlicht und einfach ignoriert werden. Viele hier im Raum glauben, die Klimamaßnahmen funktionieren wie ein Sahnehäufchen obendrauf, als nette zusätzliche Maßnahmen, die nicht weh tun und insgesamt keiner Veränderungen bedürfen.
Wir sehen, dass trotz dieses Klimaneutralitätskonzepts der Mut fehlt - und das ist ganz entscheidend - aus dem Westring auszusteigen. Wir holen uns in Zukunft noch mehr überregionalen Verkehr in die Stadt. Allein dieser Westring, dieses Antiklimaprojekt macht viele Bemühungen mit einem Schlag zunichte. Er wirft uns um Jahre zurück, raubt uns Geld, das wir dringend für den Öffentlichen Verkehr (ÖV) und die Radmobilität brauchen. Wir sehen - das hat Clemens Brandstetter gerade angesprochen - wie die Digitaluniversität (IT:U) mitten ins Grünland gebaut wird und laufend unnötige Umwidmungen von Grün- und Bauland stattfinden, anstatt vorhandene Flächen zu mobilisieren.
Wir sehen, wie hohe Dichten wie Dynatrace oder QUADRILL ohne entsprechend leistungsfähigen öffentlichen Verkehr genehmigt und auch umgesetzt werden und so unsere städtische CO2-Bilanz schwächen. Wir sehen, dass wir nach wie vor auf Tiefgaragen setzen, die einerseits Verkehrserreger sind und andererseits zusätzlich wichtigen, gewachsenen Boden in Innenhöfen, der stadtklimatisch relevant ist, zerstören.
Wir sehen, wie bei einer Entsiegelung des Urfahranermarktes seit sechs Jahren nichts weitergeht, während aber neue Fußballstadien gebaut werden und die verdrängte Leichtathletik mit viel Versiegelung im Grünzug landet. Wir sehen, dass bei Radwegen nicht geklotzt, sondern nur gekleckert wird. Wir sehen, wie ängstlich in Bezug auf den Motorisierten Individualverkehr (MIV) agiert wird. Obwohl genau dort einer der größten Hebel ist, wird dieser im Klimaneutralitätskonzept nur am Rande behandelt.
Das führt mich zu einem guten Artikel in der ‚Presse am Sonntag‘. Einige werden es gelesen haben. Titel: ‚Die grünen Bluffs fliegen auf‘. Darin geht es um Greenwashing und neue von der Europäischen Union verordnete Berichtspflichten, die diese gezielten Täuschungen bei Unternehmensberichten stoppen sollen. Ich zitiere: ‚In den Nachhaltigkeitsberichten der Unternehmen ist die Welt noch in Ordnung. Hier bekennen sich ausnahmslos alle zum Schutz des Klimas, glänzen mit werkseigenen Bienenstöcken und der Vielfalt ihrer Blumenwiesen auf dem Fabriksgelände.‘ Das erinnert mich doch an etwas.
Doch in Umfragen gehen 94 Prozent aller Investoren und Analysten laut Artikel davon aus, dass diese Nachhaltigkeitsberichte in Europa in großem Stil Greenwashing sind. Das sollen die neuen Berichtstandards der Europäischen Union ändern - die mittlerweile in Kraft sein sollten. Diese machen klarer nachvollziehbar, ob Unternehmen ihre grünen Versprechungen bezüglich der Senkung der Emissionen wirklich einhalten und einhalten können.
Dasselbe gilt für Linz. Es müsste jährlich streng nachgewiesen werden, wieviel CO2 wir tatsächlich ausstoßen und wie wir unsere Ziele bis 2040 erreichen wollen. Bevor das nicht messbar und für alle transparent gemacht wird, ist das nicht glaubwürdig. Marketing genügt nicht mehr, liebe Kolleg*innen und sehr geehrter Bürgermeister.
Weil wir nicht bereit sind, bei diesem weiteren Greenwashing und großen Täuschungsmanövern gegenüber der Linzer Bevölkerung mitzumachen, stimmen wir auch nicht mit.“
Autor:innen: Linzplus
30.5.2024





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